Murphy's Gesetz § 726 besagt, dass stets dann die Strassenbahn-Fahrkarten-Kontroll-Beamten (schönes Wort!) im selben Tram sitzen, wenn Sie gerade ihre Dauerfahrkarte vergessen haben oder keine Zeit hatten, um Ihre Mehrfahrtenkarte zu entwerten. Pech gehabt. Früher erkannte man die Kontroll-Beamten an den Uniformen. Dass dies aber zu auffällig war und ihnen viele Fische durchs Netz gingen, merkten die ÖV-Direktoren schnell und führten die Kontrolle in Privatkleidung mit Beamtenschuhwerk ein. Somit brauchte man als Mehrfahrkartenentwertungsvergesser (auch nicht schlecht!) bloss auf die Schuhe zu achten und schwupps, konnte man noch rechtzeitig durch die sich automatisch schliessenden Türen durch hüpfen, um der Schmach zu entkommen, wegen Schwarzfahrens auf der Guillotine zu landen oder den Tod durch Strangulation, ausgeführt durch die Lynchjustiz der in der Strassenbahn befindlichen Ticket-Besitzer, zu erfahren. Aber dann gab es für die Beamten die Anweisung, ihre persönlichen Schuhe zu tragen. Dann konnte man nur noch darauf achten, wenn drei Männer unauffällig weit auseinander standen und auf die Strassenbahn warteten, kurz bevor sie einstiegen, jedoch noch einmal den Blickkontakt suchten, dann war Kontrolle angesagt. Aber heute ist es praktisch unmöglich, die Kontrolleure zu erkennen, denn seit die ÖV's auch Ausländer, Dunkelhäutige und Frauen für diesen Job einsetzen, sehen die Kontrolleure aus, wie ganz normale Menschen.
Als Schwarzfahrer - auch als ungewollter - wird man in Bus oder Bahn dann an den Pranger gestellt, ein regelrechtes Exempel wird statuiert für all die anderen braven Bürger, die nie etwas vergessen. In gewissen Strassenbahnen in der Schweiz werden sogar Slogans an die Fensterscheiben angebracht, taktisch perfekt konzipiert. Während der Bankenkrise liest man da schon mal: "Investieren Sie in Fahrkarten, nicht in Bussen." Wer die Werbetextfirma bezahlen wird, die sich diesen Sinnspruch ausgedacht hat, oder wer die PR-Conceptionists bezahlt, die das Konzept erstellten und erfolgreich verkauften, wer die Leute bezahlt, die diese Kleber herstellen oder die, die sie hin kleben, wer die Plastikfolien bezahlt, in die man den Einzahlungsschein einschweisst, bevor er mitgegeben wird, ist klar. Ich. Natürlich auch all die anderen Schwarzfahrer und Mehrfahrtenkarten-Entwertungs-Vergesser. Dabei hat man doch gerade bei der Mehrfahrtenkarte oder wie es im strassenbähnischen Fachjargon heisst "MFK" - die Fahrtkosten bereits im Voraus bezahlt. "Man wird also gebüsst, obschon man bereits bezahlt hat?", fragte Mr. Murphy höchst persönlich den konTroll-Beamten. "Ja, ein Billet haben Sie schon, aber trotzdem haben Sie keinen gültigen Fahrausweis! Der ist nicht gültig, weil Sie ihre MFK nicht entwertet haben!", war seine Antwort. Dort liegt eben ein weiteres Problem. Hat man eine Mehrfahrtenkarte, muss man zu diesem Stempelautomaten hin gehen und die Karte in einen Schlitz stecken, der mit einem Pfeil und der Aufschrift "Entwertung" markiert ist. Nach Jahren der Psychotherapie wegen Minderwertigkeitskomplexen kann ich doch nicht einfach meine Stempelkarte "ENTWERTEN!" Dies würde bedeuten, dass, wer sich richtig verhalten wolle, der müsse sich auch entwerten und genau das hat mir mein Therapeut verboten. Der Kontrolleur hatte wenig Verständnis für diese schauderhafte Geschichte. Rein nach dem Motto: Wenn ich nicht schwarzarbeiten darf, darfst du auch nicht schwarzfahren! Da wurde kein Auge zugedrückt, nicht mal ein Hühnerauge. Ich, als Murphy verkleidet, wurde als Schwarzfahrer entlarvt und demaskiert. Zu meiner Verteidigung erklärte ich der total brüskierten Frau neben mir, dass das Wort "schwarzfahren" aus dem jiddischen käme. Dort heisst "Shvarts" nämlich "arm", man ist also zu arm für eine Mehrfahrtenkartenentwertung, zum Beispiel. Die Schwarzfahrer sind also nicht immer anarchistische Freidenker, die uns Dauerfahrkartenbesitzer hintergehen und den Staat absichtlich in die Schulden reiten lassen. Nein, es sind arme Menschen, die sich keine Karte leisten können. Die sind so arm, dass sie zum Schwarzfahren gezwungen werden! Und wer so arm ist, dass er nicht einmal eine MFK abstempeln kann, der wird auch kein Geld für die Busse aufbringen können. Das ist ein Teufelskreis.
Helfen Sie ihm raus, dem Armfahrer! Statt entrüstet aus der Wäsche zu gucken, wenn Sie das nächste Mal einen echten und entlarvten Schwarzfahrer erblicken, nehmen Sie doch mal ihre Brieftasche hervor und übernehmen Sie seine Schulden, Sie grosszügiger Mann von Welt, Sie!
Ich wartete einen Moment, gab den anderen Mitfahrenden die Gelegenheit, für mich die Geldbörse zu zücken, merkte dann aber schnell, dass in dieser Strassenbahn keine edlen Menschen sassen. Doch statt mich über die Zahlungseinladung des gemeinnützigen Vereines der öffentlichen Verkehrsmittel zu ärgern, fiel mir auf, dass die sogenannte "Shvartsarbeit" heute aber eigentlich unter "working poor" bekannt ist. Womöglich wird bald ein findiger Werbetexter auf den Slogan kommen: "Arme bewegen ihre Beine.." oder einfach"Arme laufen!"
In diesem Sinne: "Accept Murphy's law as real life!"