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Poetenblog? Nicht mehr da!

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Wir trauern um die Trauerweide.

Veröffentlicht am 19. Dezember 2009 von WORTlieb mARTin in Oden

Vor unserem Fenster stand sie. Die Trauerweide. Botanisch heisst sie Salix babylonica, zu deutsch auch chinesische oder eben babylonische Trauerweide oder schlicht Echte Trauerweide genannt. Sie ist der grosse Bruder der Bonsai-Bäume. Korrekterweise muss man sagen, dass sie früher Hängeweide hiess (Salix alba tristis). Sie gilt als stiller Mitwissen über die Wiedergeburt und dem Irrlicht. Kaum ein Baum, der mehr Poesie ausstrahlt. Kein anderer Baum kann die Melancholie so fröhlich zu Tage legen wie sie. Eine Augenweide, jedesmal, wenn ich aus dem Fenster sah. Seit Jahrzehnten wuchs sie beinahe 20 Meter hoch. Mit jedem Zentimeter erfreute sie den Blick aus dem Fenster. Sie spendete Trost in Zeiten von Trauer. Sie begleitete mich stets. Sie war echt, reell und standhaft ging sie mit ihrem Schicksal um, als eine leidensvolle Artgenossin angesehen zu werden. Eine schöne Leidende, eine ewige Legende. Unverstanden und doch verstehend stand sie da und zeigte trotz allem ihre Eleganz und entfaltete ihre Schönheit. Und ihre soziale Ader. Sie bot Schutz und war Herberge von unbestrittenen Dreissig Spatzen. Die herabhängenden Äste der Trauerweide vor meinem Fenster waren ideal für kleine Frechspatzen. Jetzt ist sie weg. Sie, die als Symbol für den Tod steht, ist ihm nun nach 50 Jahren selbst zum Opfer gefallen. Die Spatzen sind obdachlos und kommen nicht einmal mehr an mein Fenster. Das Brot, mit welchem ich meine Spatzen stets fütterte, bleibt nun auf dem Fensterbrett liegen. Seit Tagen. Seit die Trauerweide gefällt wurde. Ohne Grund. Die Stadtgärtnerei hat beschlossen, einen Baum zu fällen, der weder krank war, noch beschädigte er die umliegenden Bauten. Einfach so. Achtlos gefällt, zersägt, in Stücke geschnitten, ausgegraben und verbrannt. Ihre Wurzeln, die sie am Leben hielten wurden ausgebaggert, herausgerissen aus dem Boden. Ihr Schicksal war zum Schluss kein gutes, obschon sie es nun mit drei weiteren Bäumen im Garten vor meinem Fenster teilt. Doch ich trauere um die Trauerweide. Am meisten.

Der Grund für die Fällung ist paradox: Man wolle einen Garten - einen schönen Garten - anbauen. Schöner als mitten im Garten eine Trauerweide? Darf man das? Weshalb will der Mensch alles, was ihn an den Tod erinnert, töten? Wohin gehen nun all die pfeifenden Spatzen, wer behütet sie, wo treffen sie sich zum Mittagsschwatz? Wo gehen nun all meine Blicke hin, hinaus aus dem Fenster? In den Garten bestimmt nicht mehr, vielleicht in die Wohnungen der anderen? Gibt es andere Menschen in meiner Siedlung, die eine weidende Trauer nun verspüren? Muss ich als menschliche Trauerweide nun für immer von hier wegziehen? Wird es mir irgendwann einmal gleich ergehen wie meinem Freund, dem Baum? Welche Natur spendet mir nun Trost mitten in der Stadt? Ich schaue aus dem Fenster und sehe das flackernde Grablicht, welches ich an diesem Platz hinstellte, wo einst noch die Freudenweide stand. Die Bauarbeiter werden das Grablicht morgen wieder wegräumen, um weiterarbeiten zu können. Ich nehme Abschied von einem Begleiter, der gepflanzt, noch bevor ich geboren wurde und ich hätte schwören können, dass er mich überlebt hätte. Ich trauere mehr als ich erwartet hätte. Still und heimlich hoffe ich, dass nie mehr etwas auf diesem Boden gedeihen kann und ich weiss, dass nur der Mensch dazu fähig ist, die schönen Dinge zu zerstören. Deshalb wird der Mensch überleben. Weil er nicht schön ist.

In Memoriam
1952 - 2009
hängeweideEs trauert ein Freund und naher Verwandter.


In diesem Sinne: "Why?!"
Kommentiere diesen Post

samantha p. 01/02/2010 22:37


Scheissarschlöchereinfachsonefröhlichetrauerweidezutötendieschweine!


xamantao 12/29/2009 06:56


Ich bin mit Dir traurig. So eine Schönheit kaputt zu machen, müsste mit Gefängnis bestraft werden!


Frauenverein 12/25/2009 11:51


Der Mensch ist böse, wenn er sowas tut!


Martin 12/20/2009 12:02


Herzliches Beileid!


Vivi 12/19/2009 19:30


Trost kann ich Dir nicht zusprechen, aber ich kondoliere.