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Der PoetenBlog begleitet mich auf meinen sur- und subrealen Reisen. Als augenzwinkernder Poet und Dramatiker begebe ich mich gerne genüßlich im Klubseßel - mit einem halbvollen Glas und einer Selbstgedrehten in der Hand - auf eine gedankliche Odyssee... Für Sie als irreale Nachlese bereitgestellt.

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Thursday, 30. june 2011 4 30 /06 /Juni /2011 12:00
- von WORTlieb mARTin

Dieser zurzeit herrschende Schönheitsfanatismus, dieser Perfektionsidealismus, dieser Gefallsuchtswahn, so denke ich, begann mit dem Zähneputzen. Zu dem Zeitpunkt, als es nicht nur die Zahnfee gab, sondern auch noch den Zahnteufel und dieser plötzlich allgegenwärtig war, reichte es auch schlagartig nicht mehr aus, sich bloß einmal am Tag den Mund auszuwaschen, sondern der Mensch erfand Elmex- und Aronal-Zahnpaste; die eine für den Abend, die andere für den Morgen. Dann reichte es nicht mehr, sich nur zweimal täglich die Zähne zu putzen, sondern man musste dreimal, dann steigerte sich unser gesundheitliches Verlangen und wir mussten auch noch Mundwasser gegen schlechten Atem verwenden, später war es uns wichtig, dass nebst dem Zähneputzen auch noch das Zahnfleisch massiert würde, somit musste eine Zahnbürste erfunden werden, mit der man keine Tomaten zerquetschen kann, mit einer biegsamen Gelenkkopfbürste und flexiblen, fein abgerundeten Borsten. Jedenfalls muss nicht nur die Borste der Bürste stimmen, sondern natürlich auch der Griff, am besten sollte er weichkautschukgenoppt umpolstert sein, damit unsere Finger nicht so sehr ermüden beim Zahndeck schrubben...oder am liebsten einen Bürstengriff, der so angenehm in der Hand liegt, dass man die Bürste gar nicht mehr aus derselben legen möchte. Und am Hinterkopf der Gelenkkopfbürste brauchen wir unbedingt noch eine Vorrichtung zum Abschaben und Reinigen der Zunge und und und: Gesagt - getan; Gedacht - erfunden. 

zahn5.gif Kurze Zeit später ersetzte die elektrische Zahnbürste - mit siebenhundertzwanzig-tausendeinhundertdreizehn Umdrehungen in der Sekunde - die manuelle Handzahnbürste (eine Umdrehung/Sekunde). Wie man weiss, ist dort noch lange nicht das Ende der Zahnputzära, sondern es ging dann weiter mit Mundspülungen, welche die restlichen vom Auge nicht sichtbaren Bakterien aus unseren Zahnzwischenräumen entfernten, die grüne Mundspülung für vor der Zahnputzaktion, die blaue für nachher. Diese gab es natürlich in verschiedenen Aromen, denn das Mundgefühl ist uns parallel ebenfalls sehr wichtig geworden und nun gibt es von Pfefferminz- bis IrishMoos-Geschmack alles.

Dann aber befriedigten uns die Mundspülungen nicht wirklich und wir erfanden die Zahnseide, bei der sich jeder Grobmotoriker wieder das Zahnfleisch verletzte und gleich danach die Zahnwundsalbe auf die massierten, aber blutenden Zahnfleischstellen draufschmieren konnte. Dann waren wir endlich soweit, dass wir mit der elektrischen Zahnbürste dreimal täglich die Zähne putzten - morgens mit Aronal, abends mit Elmex und mittags mit einer Zahnpasta namens "dekaDENT" – und mit Mundspülung, Zahnseide und Mundwasser gegen schlechten Atem unsere Zähne bei bester Gesundheit hielten.

Doch auch dies reichte uns immer noch nicht, denn es kommt schliesslich nicht nur auf die Gesundheit an, sondern zusätzlich auch noch auf die Schönheit der Zähne. Deshalb gehört heutzutage zu einer gepflegten Zahnpflichtausstattung ebenfalls auch einmal in der Woche eine Paste, die unsere Zähne so weiss macht, wie von Ariel höchst persönlich gereinigt und wir benutzen mittags nicht irgendeine Zahnpasta, sondern eine, welche die freiliegenden Zahnhälse schont und vor Zahngefrierbrand schützt, zusätzlich benötigen wir eine Interdentalbürste, sowie ebensolche Sticks, Zahnputzkaugummis und Mundwasser für Unterwegs oder eben gleich Haftschalen, um die Vorderzähne noch schöner und noch trügerischer lächeln zu lassen als alle anderen nur Aronal- und Elmex-Konsumenten. Nach jeder noch so kleinen Mahlzeit - vom Apfel bis zum Abenddinner - ja sogar nach jedem Zahnputzkaugummi - wird zahnärztlich empfohlen geschrubbt und wir treten so mehrmals täglich den Kampf gegen Karies, Zahnstein, Parodontitis, Gingivitis und Plaque an; die psycho und logischen Folgen daraus sind Bulimie, Diabetes, Zuckerphobie, Zahnsteinangst, Plaquefurcht, Freiliegende-Zahnhals-Panik, Knochen- und Zahnfleischschwund wegen Superbelastung, Abnutzung und Überbeanspruchung, Mundgeruch-Sorge und Gelbzahnschrecken.

In diesem Sinne rate ich: "Stay out of this!"

...die Fortsetzung dieses Gedankens folgt...!

 

Ausschnitte aus: "schön&gut - Der sich spiegelnde Mensch", von WORTlieb, 2007

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