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Modernes Einkaufen von Lebensmitteln

Veröffentlicht am 10. August 2011 von WORTlieb mARTin in Konsum

In der Moderne betritt man einen Mega-Store, um Lebensmittel käuflich zu erwerben. Beinahe jährlich werden dort die Einkaufswägelchen immer grösser. Dies ist ein cleverer Trick, der uns optisch täuscht und man immer das Gefühl hat,  wenig im Wagen zu haben. Psychologisch raffiniert wird es dann, wenn man seit Jahr und Tag für den Wochenend-Einkauf einen Einkaufswagen füllte. Wenn die Wagen aber grösser und grösser werden, wird folgedessen auch der Preis an der Kasse immer höher und höher, denn der sich spiegelnde Mensch lässt sich täuschen, sammelt Punkte, jagt nach Reduktionen und füllt den Einkaufkorb, egal wie gross er ist. Im Kaufhaus ist heutzutage auch niemand für etwas verantwortlich, denn wenn man einen sogenannten Verkäufer findet, kann dieser auch nichts für uns tun. Im Einkaufszenter gibt es nämlich keine Verkäuferinnen und Verkäufer mehr, die uns beraten, uns informieren und wissen, woher das glückliche Hühnchen kommt, welches dort frei gehalten wurde. Das Verkaufspersonal wurde nämlich völlig unbemerkt ausgetauscht mit "Auffüllerinnen" und "Lageristen". Die Ware muss ins Regal und das ist die wichtigste Aufgabe eines modernen "Verkäufers": Nachschub für die Kaufwütigen zu besorgen. Für Dienstleistungen sind Gerätschaften zuständig, die uns alles sagen, sobald sie einen Strichcode lesen. Statt dem Verkäufer in einem persönlichen Gespräch zu erklären, dass man heute einen Eintopf kochen möchte, während er uns die gesamte Gemüseplatte einpackt, wiegt und uns alles mit einem freundlichen Aronallächeln und einem Kochtipp mitgibt, muss sich der sich spiegelnde Mensch immer öfters und breitflächiger selbst bedienen. Selbst bedienen, selbst kontrollieren, selbst informieren, selbst einpacken, selbst nach Hause schleppen, selbst essen. Aber dafür auch immer noch selbst mehr bezahlen.

spam1Dann informieren wir uns eben selbst, denn selbst ist schliesslich auch der sich spiegelnde Mensch. So liest er oftmals die Zusammensetzungsliste der einzelnen Produkte und die Zutatenbeschreibungen. Eines Tages fällt ihm jedoch zum Beispiel auf, dass für Fruchtsäfte - oder für viele andere Produkte - jeweils künstliche Zintronensäuren verwendet werden, währenddessen das Geschirrabwaschmittel Pril damit wirbt, echten Zitronensaft für ihr Spülmittel zu verwenden. Wir fragen uns nicht, weshalb es kein Katzenfutter mit Maus-Flavour oder Vögelchen-Aroma gibt, dafür aber Shrimps und Gänseleber. Für unsere Tiere darf es eben nicht gut genug sein. Kein Wunder, dass alte, mittellose, sich spiegelnde Menschen lieber das günstigere Edel-Katzenfutter essen, als das für Menschen gedachte, teure Pressfleisch aus tierischen Kadaverabfällen - unter Paniermehl versteckt. Apropos 'versteckt': Überall treffen wir auch auf diese geheimen Codes der Lebensmittelmafia; auf die E-Nummern. Ein Lebensmittel - egal welches - besteht in der Moderne aus E390*, E487*, E266*, E666*, E519*, E845.1* und E195.2*. - Frei nach dem Motto: "E702 heisst 'Ich liebe Dich'". Deshalb ist es nicht sehr nützlich, zu wissen, dass sich in unserem Lebensmittel ein E724* versteckt hat. Viel nützlicher wäre es, ehrlich zu sein, denn:  Nicht alles ist Bio, was glänzt und nicht alles stimmt, was gelogen wird. 

 

Der gesundernährende Mensch denkt jedoch nicht weiter darüber nach, es muss ja alles mit rechten Dingen zugehen, schliesslich werden wir beschützt von Küchenerziehern wie Ivo Adam und Jamie Oliver, die ihren Durchbruch in der gesundernährenden Welt des Kochens geschafft haben, dank ihren Wegbereitern und Kochikonen wie Biolek, Lichter, Lafer, einem gewissen Herrn Lecker und natürlich den Medien. Fernsehshows, bei denen man kochend gegeneinander antritt, beweisen es erneut: Ein Duell in der Küche ist Sport und Sport ist die pure Jagd, welche auch nicht erst beim Kochen oder beim Verspeisen, Vergleichen und Vergelten des perfekten Dinners beginnt, sondern eben bereits beim Einkaufen der Zutaten selbst.

 

In diesem Sinne: "Stay supporting your local corner store!"

 

* [ Anmerkung: Wer weiss, was all diese E-Nummern bedeuten, ist ein Neurotiker. Wer diese E-Nummern jetzt gleich nachschlagen wird, ist manisch. Wer nur jede 2. E-Nummer kennt, ist Allergiker. Wer keine Ahnung und noch nie E-Nummern bemerkt hat, ist faul. ]

Ausschnitte aus: "schön&gut - Der sich spiegelnde Mensch", von WORTlieb, 2007

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