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Poetenblog? Nicht mehr da!

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Kneipen-Neurosen

Veröffentlicht am 19. Mai 2009 von WORTlieb mARTin in Poesie

Anknüpfend an die vorangehenden Blogartikel legen wir ein literarisches Intermezzo ein:

"Ein Fisch auf
trockenem Teller"
2004 © by WORTlieb mARTin (wie jeder Text auf dieser Seite)

Egal welche Kneipe ich betrete, ich setze mich zuerst mal hin. Wie es sich in der Schweiz gehört, natürlich an einen freien Tisch am Rand an der Wand, um alles gut beobachten zu können. Doch in dieser Kneipe hier sieht man nur neurotische Menschen. In der einen Ecke diskutiert ein notorischer Langsamsprecher mit einem Mann, der sich aus irgendwelchen Gründen ständig an die Nase greift. Der Nasengreifer redet vehement auf den Langsamsprecher ein, der bald darauf den Raum verlässt. Der Nasengreifer geht erst mal aufs Klo. An der Bar redet einer gut angetrunken, dafür aber pausenlos mit lauter Stimme über Frauen und ihr Wesen, bis eine Frau mit hohlem Kreuz und rausgestreckten Brüsten auftaucht. Der Quassler ändert sein Thema von seinen missglückten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht prompt und gekonnt lenkt er es hin zu der künstlichen Befruchtung von Rindern, denkt aber nicht daran, zu schweigen. Die Frau mit den Brüsten setzt sich an einen zentralen Platz. Der erste Typ zwinkert ihr zu. Bereit zu Sterben, wie jemand, der einen neunjährigen Stier in genau diese Sackgasse locken will, in der er selbst schon mit dem Rücken zur Wand steht. Er zwinkert andauernd, hört weder dem Quassler an der Bar zu, noch dem, der sein zweites Ohr mit blöden Sprüchen über den, der quasselt, volllabbert. Einer kommt rein und winkt erst mal zur Begrüssung. Der Winker sieht die Brustraustreckerin und setzt sich einen Tisch neben ihr hin. Der Zwinkerer zwinkert aber immer noch, worauf der Winker winkt, natürlich nur zur Begrüssung. Der Zwinkerer hält kurz und irritiert inne und bietet dem Sprücheklopfer so gut es geht Paroli. Die Brustrausstreckerin fragt den Winker mit nach vorne gebeugter Haltung nach Feuer. Das Feuer folgt aber vom Kettenraucher nebenan, der nervös an seinem Päckchen nestelt. 1:0. Der Winker lehnt sich zurück. 1:1. Die Brustraustreckerin bedankt sich, der Kettenraucher verwickelt sie in ein kurzes Gespräch. Der Winker winkt ab. 1:2. Der Quassler redet nun von den Anfängen der Liebe und kein Schwein hört ihm zu, da der Sprücheklopfer bereits der Liebling der Ohren ist. Der Winker ignoriert das Geschwafel des Quasslers (1:3) und auch die Primitivitäten des Sprücheklopfers (1:4) und winkt erst mal der Bedienung, um zu bestellen (1:5). Die Bedienung jedoch einem Valium gleich und bleich im Gesicht, bemerkt die Bestellung des Winkers nicht. Der Nasengreifer kommt wieder mal vom Klo und setzt sich zum Kettenraucher an den Tisch, verfängt sich nicht nur im Rauch, sondern auch in irgendeinem Gespräch. Der Sprücheklopfer erbarmt sich des Winkers und bestellt für ihn bei der Valium-Bedienung ein Bier. Der Quassler erzählt, wie er sich gefühlt habe, als seine Bestellungen vergessen gingen. Am Nebentisch hört ihm wohl als Einzige eine junge Frau zu. Sie kaut an all ihren zehn Fingernägeln und beisst beinahe stückchenweise ihre Fingerkuppeln ab; Beachtung findet sie kaum. Ein Typ betritt den Raum, er begrüsst die Leute, die er kennt mit einem kräftigen Handschlag. Der Händeschüttler begrüsst nun die, die er nicht kennt. Er stellt sich den Leuten vor und schüttelt mit Vorliebe ihre Hände. Auch mir stellt er sich vor, bloss der Winker will dem Händeschüttler die Hand nicht geben. Die Brustraustreckerin schaut auf die Uhr, wahrscheinlich ist sie verabredet. Sie schaut sich um; in der Ecke sitzt eine Person, zusammengekauert und schreibt Kurzmitteilungen. Der SMSler ist vertieft und unansprechbar, manchmal flucht er allerdings. Die Fingerbeisserin hat nun aufgehört zu beissen, stattdessen steckt sie sich etwas in den Mund. Ich sitze da und schaue ihr zu, wie sie statt Fingernägel, Gummi kaut: mit offenem Mund und laut! Hört aber immer noch dem Quassler an der Bar zu. Ich wende meinen Blick von der Fingerbeisserin, die sich nun zur Gummischmatzerin verwandelt, ab. Eine Quietsch-Stimme bestellt an der Theke einen Tee, der Zwinkerer zwinkert, der Sprücheklopfer klopft seine Sprüche über vier Tische hinweg, der Quassler quasselt vergnügt aus vergangenen Zeiten, neben dem Quassler sitzt nun ein Typ mit Hut, der jedem, der an ihm vorbei geht, einen Flyer in die Hand drückt, sogar mir. Der Winker winkt nun denen auf der Strasse. Ob er die wohl kennt?  Die Türe geht abermals auf und herein kommt eine Zunge. Dass hinter dieser Zunge eine Frau steckt, hätte niemand gedacht. Sogar der Sprücheklopfer schweigt. Die Frau züngelt unentwegt. Der Händeschüttler begrüsst sie und stellt sich vor, der Flyerverteiler drückt ihr ein Flugblatt in die Hand, der Quassler glaubt diese Frau zu kennen. Die Zünglerin setzt sich bald darauf zu der Brustrausstreckerin. Der Zwinkerer zwinkert nun abwechslungsweise, die Fingerbeisserin alias Gummischmatzerin ist fasziniert von der Gelassenheit der Valium-Bedienung, der Winker verabschiedet sich mit einem angenehmen Lächeln und einem Winken. Der SMSler flucht wieder mal. Der Nasengreifer wird nervös und zittert mit dem Bein, wippt hundertstelsekundenschnell auf und ab, greift sich aber nicht mehr an die Nase, verscheucht dafür aber den Kettenraucher. Zurück blieb nur noch Qualm. Der Nasengreifer, der nunmehr zum Zitterer geworden ist, verbündet sich alsbald mit dem Sprücheklopfer an der Bar und gesellt sich mit ihm zu der Brustrausstreckerin und der Zünglerin. Anscheinend verstehen sie sich bestens. Die Zünglerin hört auf zu züngeln, beginnt dafür aber mit ihren Fingern in den Haaren zu drehen. Endlich hört der Zwinkerer auf zu zwinkern. Die Valium-Bedienung macht gerade noch mehr Pause als während der Arbeitszeit. Die fingerbeissende Gummikauerin ist verschwunden, der Quassler auch. Sie sitzen vor dem Lokal. Die Gummischmatzerin quasselt und der Quassler kaut an Fingern, dafür erzählt nun die Quietsch-Stimme an der Theke einen Witz. Der Händeschüttler bedankt sich bei der Quietsch-Stimme für die amüsante Pointe mit einem Händedruck. Die Brustraustreckerin lacht laut auf, kichert. Die Zünglerin, die zur Haardreherin geworden ist, spielt nun ganz verlegen mit ihrem Ring am linken Finger. Der Sprücheklopfer feiert seinen Erfolg. Der Zitterer verschwindet aufs Klo und kommt als Nasengreifer wieder zurück. Die Valium-Bedienung will bei mir einkassieren, obschon sie noch keine Bestellung aufgenommen hat. Bemerke die Schachspieler, die wie der SMSler in einer Ecke sitzen und weder Realität noch Umfeld wahrnehmen, seit Stunden. Die Brustraustreckerin quietscht laut auf, erinnert mich an die Bremsen eines Zuges. Ein Ring fällt zu Boden. Ich sammle mich kurz und bevor die Valium- Bedienung anfängt zu quasseln, bevor die Gummikauerin mit ihrem abgebissenen Fingern zwinkert und der Sprücheklopfer züngelt, bevor der Flyerverteiler die Brust rausstreckt und der Zwinkerer beginnt Finger zu beissen und noch bevor der Langsamsprecher zurückkommt, verlasse ich das Lokal ohne etwas getrunken zu haben, jedoch mit der Einsicht, dass ich der irrsinnige Glotzer in dieser Runde war.

In diesem Sinne: "We are all crazy; so don't be shy!"
Kommentiere diesen Post

Freundin 05/22/2009 14:49

Mannomann, das sind aber irre Typen, wo liegt diese Kneipe, ich passe da gut rein...!

Smack 05/20/2009 11:48

Cool und "irrsinnig" witzig!

Mary Piona 05/20/2009 00:07

Der Text gefällt mir sehr! Oh la la!

Emma 05/19/2009 16:48

Hab selten während des Lesens ein andauerndes Lächeln auf den Lippen - HIER aber DOCH! Wie schön ein Kneipenbesuch sein kann ...
... natürlich nur mit dem richtigen Blickwinkel!