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Poetenblog? Nicht mehr da!

Wir wollten mal was Neues, was Besseres, auf WordPress: http://wortliebling.com

BIGFATGREATTALK statt smalltalk!

Veröffentlicht am 16. Mai 2009 von WORTlieb mARTin in Gesellschaft

Dass wir an die vorangehenden paar Artikel weiterdenken, brauche ich hier wohl anknüpfend nicht mehr zu erläutern. Klar ist auch, dass nach dem Grüssen - und nur dann, wenn es sich überhaupt nicht mehr vermeiden lässt - das Gespräch folgt. Gespräche sind die Grundlage des Menschens, der es mittlerweile *Kommunikation* nennt. Wir hatten damals eben noch Gespräche und mussten nicht kommunizieren. Wir wussten noch, dass es ein Dazwischensprechen bloss als Ausdruck einer Emotion oder als Bestätigung gibt. "Stimmt", "Jawoll", "Ohje", "Ach nein", "Aha" oder mein Lieblingswort "Nanu" sind verlobt mit einer Aussage innerhalb eines Gespräches. Sie sind keine Feinde der Gesprächskultur, im Gegenteil, am Telefon werden solche Ausdrücke sogar benötigt, um vom Geschprächsteilnehmer eine Regung auf das von ihm erzählte zu erfahren.

Ein Gespräch läuft immer gleich ab: Es beginnt mit der Anfangsphase, die auf SmallTalk beruhen, auf das Wetter bezogen werden kann oder einfach auf einen Gruss hin. Die erste Phase dient dazu, die Gesprächsstimmung zu orten. Ob das Gegenüber glücklich, traurig, gestresst oder ausgelassen ist, entscheidet sich schnell, ob man selbst mit dieser Stimmung einverstanden ist, entscheidet sich gleich darauf. Nach dieser Entscheidung über ein Gespräch oder nicht, wird es entweder mit einer Floskel beendet, abgewürgt und auf ein Minimum geschrumpft oder es folgt dann die Gesprächsmitte, der Höhepunkt des Gespräches, welcher widerum abgerundet wird mit der Beendigungsphase, die - wenn irgend möglich - mit einem Plot, einer geistreichen Phrase oder einer sitzenden Pointe beschlossen werden sollte. Am besten so, dass jeder Gesprächsteilnehmer mit einem Lächeln auf den Lippen aus dem Gespräch entlassen wird.

Geben und Nehmen im Gespräch ist das Gegenteil eines Monologes oder einer Psychoanalysesitzung. Wer gibt, der muss nehmen, wer verteilt, muss auch einstecken, wer Sturm sät, wird Ernte danken. Der Gruss (siehe letzter Blog-Artikel), erfordert einen Gegengruss. Grüsst man gegen, ist die Einleitung für die Anfangsphase bereits als Möglichkeit eines Gespräches vorhanden. Weiter geht es mit Fragen, die auf eine Antwort warten. Nach dem Gruss folgt meist eine Frage, deren Beantwortung meistens eine magersüchtige Lüge ist. "Wie gehts?" - Alles, was zur Beantwortung dieser Frage behilflich ist, ist gelogen. Diese Tatsache ist aber auch nicht schlimm, denn dies dient ja lediglich zur Analyse der Stimmung. Wenn ich mit der Person also reden will, sage ich darauf, dass wir einen Kaffee trinken gehen sollten (Vorschlagsunterbreitung), dass ich so glücklich bin wie noch nie (positive Gefühlsäusserungen) oder meinetwegen auch, dass ich im Lotto gewonnen habe (Bluff). Auf jeden Fall wird das Gespräch dann weiter gehen. Wenn Sie mit jemandem nicht sprechen möchten und Sie ihm von Ihren momentanen IT-Problemen
(siehe vorletzten Blog-Artikel) erzählen, dann wird dies nur gut gehen, wenn das Gegenüber keine Ahnung hat von IT und auch niemanden kennt, der Ahnung hat. Wenn Sie jemanden loswerden wollen, dann sagen Sie um Himmels Willen auch nicht, dass es Ihnen nicht gut ginge, Sie krank seien und Sie Ruhe bräuchten, in der Absicht, dass er Sie auch in Ruhe lassen wird. Dies versteht das Gegenüber jedoch ganz anders, nämlich als Hilfeschrei, weckt Helfersyndrome und veranlasst Ihren Gesprächspartner, Sie auszufragen, reisst die Gesprächsführung an sich und vergewissert sich so lange, bis selbst der unsensibelste Mensch merken würde, dass man wirklich seine Ruhe haben will. Wenn er dies dann aber bemerkt hat, wird er von seinen Gebrechen und Krankheiten erzählen, bis Sie wissen, wieviele Gallensteinoperationen und versuchte Selbstmorde in der Generationen-Familie des Gesprächspartners vorgekommen sein sollen.

Wenn Sie demnach in kein Gespräch verwickelt werden möchten, gibt es nur eine Lösung: Übernehmen Sie die Gesprächsführung von Vornherein
und befolgen Sie das Folgende: Ein Kompliment gepaart mit einem offensiven Gegenvorschlag - ohne dass es je einen Vorschlag des Gegenübers geben kann - und kombiniert mit einer Begründung des Kurz-Angebunden-Sein ist die ideale Abwehr eines Gesprächsbeginns. Sagen Sie nach der Aufforderung zum Gruss einfach etwas in der Art von: "Sie sehen gut aus heute! Wir plaudern aber ein anderes Mal, ich bin unter Zeitdruck..", winken Sie lässig, während Sie bereits ein, zwei Schritte weitergehen.  Da ein Kompliment ebenfalls eine Paarung innerhalb eines Gespräches ist, geben Sie Ihrem nichterwünschten Gegenüber mit einem kurzen Umdrehen noch die Möglichkeit, auf das Kompliment zu reagieren. Ein kurzes "Dankeschön" genügt. Solche Reaktionen sind vor allem in der Diplomatie häufig. Niemand würde dies als Unhöflich bezeichnen und niemand würde Sie dann - zum Beispiel - wegen Ihrer Gesprächsangst oder ihren Analyse-Neurosen löchern. Glauben Sie mir, ich weiss wovon ich spreche...

Weshalb ich mich damit auskenne, sollte auf der Hand liegen. Ich mag weder Telefongespräche, noch SmallTalk, hasse Kommunikation um Information per Telekommunikationssysteme und ich sträube mich vor Geplänkel, Tratsch, Klatsch, Aushorcherei, Informationslügen und Befindlichkeitsanalysen fremder Menschen. Wenn ich über solche Themen monologisieren möchte, dann kaufe ich mir zu diesem Thema ein bestimmt bereits von einer findigen Autorin geschriebenes Buch (siehe vorvorletzten Blog-Artikel). Ich liebe dafür die Diskussion, die Debatte, die Philosophie. Themen, die interessieren, kann ich beim besten Willen nicht im Treppenhaus zwischen Mahnbriefen und Türfallen gelassen und intensiv ausführen. Zu einem Gespräch gehört zumindest ein Stuhl - wenn nicht ein Sessel, ein Glas Rotwein - wenn nicht einen SingleMalt, eine Zigarette - wenn nicht eine virginiagestopfte Meerschaum-Pfeife, Musik von Schostakowitsch - wenn nicht Jazz, etwas gedämpftes Licht - wenn nicht bei Kerzenschein,  eine Umgebung einer ausgezeichnet ausgestatteten Bibliothek - zum Nachschlagen von Fakten und ein Gegenüber auf Augenhöhe - wenn nicht ein Niveau höher. Ein Gesprächspartner muss dem Gespräch mächtig, dem Thema würdig sein und immer das richtige Wort auf der Zunge tragen, es aber nicht bei jeder Gelegenheit aussprechen. Deshalb debattiere ich gerne in meinem Sessel, mit meinem Glas, in meiner Bibliothek mit meiner Selbst. Anstelle der Anwaltstochter von Nebenan, die mir auf der Strasse von Ihrem SmallTalkPanic-Syndrom erzählen will...

In diesem Sinne: "In this Sense!"

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vernier 05/16/2009 17:00

gratuliere dir wortlieb. wozu? dazu, dass du ein glückspilz bist, der, wie ein guter coktail, die richtige mischung aller zutaten gefunden hat: hattest du erbauliche gespräche, denkst du über sie allein in deinem sessel nach. haben dich deine weiterführenden gedanken inspiriert, verfasst du einen text - und ich denke, wir haben noch lange nicht alles gelesen was sich so in deinem kopf abspielt und dürfen daher noch viel, viel mehr erwarten...
ps. durch diesen blog bekomme auch ich immer wieder einen schluck philosophie mit, der immer dann wirkt, wenn ich noch einen kleinen spaziergang unternehme.
pps. und treffe ich dabei auf einen menschen, wandle ich die gedanken wieder in ein persönliches gespräch, z.b. unter linden anstelle eines sessels um...

Mario Heschel 05/16/2009 14:05

Nicht recht, Frau Specht:
Ein Thema braucht es nicht von Vornherein, die Themen ergeben sich ja wohl von selbst, wenn die Voraussetzungen stimmen. Das wär ja noch schöner: Ein Glas Wein am Kamin, einen Partner, aber kein Thema zu finden, worüber man reden soll. So langweilig kann man ja nicht sein...

Frau Specht 05/16/2009 06:26

Zu einem guten Gespräch benötigt es aber auch ein Thema...