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Der PoetenBlog begleitet mich auf meinen sur- und subrealen Reisen. Als augenzwinkernder Poet und Dramatiker begebe ich mich gerne genüßlich im Klubseßel - mit einem halbvollen Glas und einer Selbstgedrehten in der Hand - auf eine gedankliche Odyssee... Für Sie als irreale Nachlese bereitgestellt.

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Wednesday, 6. may 2009 3 06 /05 /Mai /2009 14:14
- von WORTlieb mARTin
An die vorangehenden Artikel kritisieren wir anknüpfend weiter.

Seit die Menschheit im Allgemeinen auch schreiben kann, denkt sie, dass jeder schreiben kann. Schliesslich verständigt man sich heute auch auf 120 Zeichen per Short-Message-System bestens: 

"Hi, WTF where R U? Wo bist? I am @home @8 CU by Justin, HUG M."
Literatur pur, oder?
Aber in diesen SMSen steckt auch das moderne Literaturverständnis. Es reicht heute nicht mehr, etwas zu schreiben, weil es ein interessantes Thema ist, gut geschrieben und so spannend, dass andere Leute dafür Geld ausgeben würden, sondern man muss es den Menschen heute Häppchenweise präsentieren, mit dem Kurz-Nachrichten-System hinwerfen wie Fingerfood für das literarische Gehör oder Auge.  Schöne Philosophie muss kleingeschnetzelt und herzig dekoriert, süss überzogen und am Besten schon vorgekaut werden, damit die Menschen nicht mehr denken, sondern es bloss noch schlucken müssen.

Wir hatten noch Poeten, die in der Mansarde mit Dachschräge unter einem Regenschirm im Bett lagen, weil das Dach geronnen hat und der arme Schlucker so sein brotloses Gewerbe wenigstens im Trockenen betreiben konnte. Heute gehen die Autoren kurz mit Easyjet zum nächsten PoetrySlam, dort gewinnt nämlich nicht der beste Text, sondern die beste Darbietung, der beste (Selbst)Darsteller. Heute muss der Poet seine Texte auch noch interpretieren, zur Show stellen, womöglich noch mit Lightshow und Choreographie, mit Stimmenimitationen und total verrückten SpecialEffects. Kleine Häppchen, gut präsentiert, ausgedachte Pointen hingeschmettert und vom fachkundigen Profi-Publikum benotet und bewertet. Der Gewinner bekommt für seine jahrelang einstudierte HäppchenSlamLesung sage und schreibe eine ganze Flasche Whisky. Nicht einmal einen SingleMalt...

Wir warteten auch noch gespannt auf eine Neuerscheinung der angesagten Schriftsteller. Wenn ein Schriftsteller damals angekündigt hatte, er bringe ein neues Buch heraus, dann gingen wir jeden Tag in die Buchhandlung, um zu fragen, ob das Buch denn schon erwerblich sei.  Wir warteten auf die Erscheinung eines Buches, freuten uns wie kleine Kinder an Weihnukka. Wenn das frische Werk dann endlich in den Regalen zum Verkauf angeboten wurde, dann kauften wir es sofort und lasen es meist noch am selben Tag. Aber am Besten war die Vorfreude auf das Buch. Man wusste, dass derundder Schriftsteller ein Buch schreibt, wir wussten, das diesunddies die Thematiken sein werden und wir diskutierten schon lange vor dem Veröffentlichungstermin über die Inhalte jenerundjener Bücher. Wir bereiteten uns so vor auf dasunddas Thema, welches bald wegen demunddem Buch das Gesprächsthema schlechthin sein würde, wenn das Buch erst einmal da ist.  Als dann der Veröffentlichungstermin bekannt gegeben wurde, dann traf man alle diejenigen Leute, mit denen man im Vorfeld über das Thema des Buches philosophiert hatte, am selben Tag auch in der Buchhandlung an, denn niemand wollte das Buch am zweiten Tag kaufen, sondern genau dann, wenn es erschien. So konnte man dann am nächsten Tag über das Buch selbst sprechen, statt bloss über das Thema. So war es eine einzige Diskussion, die erst dann abgeschlossen war, wenn ein gänzlich anderer Autor bekannt gab, dass er ein völlig anderes Buch über ein total anderes Thema veröffentlichen werde. Dann war dies das Thema.
Wer dann das Buch nicht gekauft oder gelesen hat, der konnte sich beinahe nicht mehr öffentlich zeigen; das war peinlich; man musste ja alles lesen, vorallem, wenn man im Vornherein am Stammtisch darüber grosse Töne gespuckt hatte.

Dass es heute schick ist, ein Buch zu schreiben, beweist die Flut von Buchneuerscheinungen im Sinne von "Wie pflege ich meinen Goldhamster?" oder "Ich spüre, wie ich meine Leserschaft provoziere." Auf Auto-Biographien wie "der Bohlen-Weg" und Konsorten kann man sich heute nun wirklich nicht mehr freuen. Heute wird ein Buch aus Spass geschrieben und nicht wie damals, weil die Autoren etwas zu sagen hatten. Im Society-Club hört man schonmal vom Tisch nebenan den entsetzten Aufschrei: "Wie bitte!?! Sie haben noch kein einziges Buch geschrieben? Nicht einmal ein Kochbuch?!" Wie dem auch sei, ich bin gegen die Rodung von Bäumen, die für die Papiergewinnung eines Buches mit dem Titel "Knigge für SMS-User" missbraucht werden. Auf ein solches Buch freut man sich natürlich nicht, man wartet auch nicht auf so ein Buch, man spricht nicht einmal darüber und man liest es schon gar nicht. Man kauft es sich vielleicht, weil es einen schönen Einband hat, welcher im Teint genau zu dem Bücherregal passt, welches man sich im SchwedenShop erworben hat.  Da lob ich mir die kleinen Racker, welche ganz lange aufbleiben und sogar vor der Buchhandlung ihr Lager aufschlagen, wenn der neue Harry Potter um Mitternacht erscheint. Die wissen eben noch, wie man sich anständig auf eine Bucherscheinung freut.

In diesem Sinne: "Long live Harry - or someone else!"

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