Wednesday, 6. may 2009
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von WORTlieb mARTin
"Hi, WTF where R U? Wo bist? I am @home @8 CU by Justin, HUG M."
Literatur pur, oder?
Aber in diesen SMSen steckt auch das moderne Literaturverständnis. Es reicht heute nicht mehr, etwas zu schreiben, weil es ein interessantes Thema ist, gut
geschrieben und so spannend, dass andere Leute dafür Geld ausgeben würden, sondern man muss es den Menschen heute Häppchenweise präsentieren, mit dem Kurz-Nachrichten-System hinwerfen wie
Fingerfood für das literarische Gehör oder Auge. Schöne Philosophie muss kleingeschnetzelt und herzig dekoriert, süss überzogen und am Besten schon vorgekaut werden, damit die Menschen
nicht mehr denken, sondern es bloss noch schlucken müssen.
Wir hatten noch Poeten, die in der Mansarde mit Dachschräge unter einem Regenschirm im Bett lagen, weil das Dach geronnen hat und der arme Schlucker so sein brotloses Gewerbe wenigstens im
Trockenen betreiben konnte. Heute gehen die Autoren kurz mit Easyjet zum nächsten PoetrySlam, dort gewinnt nämlich nicht der beste Text, sondern die beste Darbietung, der beste
(Selbst)Darsteller. Heute muss der Poet seine Texte auch noch interpretieren, zur Show stellen, womöglich noch mit Lightshow und Choreographie, mit Stimmenimitationen und total verrückten
SpecialEffects. Kleine Häppchen, gut präsentiert, ausgedachte Pointen hingeschmettert und vom fachkundigen Profi-Publikum benotet und bewertet. Der Gewinner bekommt für seine jahrelang
einstudierte HäppchenSlamLesung sage und schreibe eine ganze Flasche Whisky. Nicht einmal einen SingleMalt...
Wir warteten auch noch gespannt auf eine Neuerscheinung der angesagten Schriftsteller. Wenn ein Schriftsteller damals angekündigt hatte, er bringe ein neues Buch heraus, dann gingen wir jeden Tag
in die Buchhandlung, um zu fragen, ob das Buch denn schon erwerblich sei. Wir warteten auf die Erscheinung eines Buches, freuten uns wie kleine Kinder an Weihnukka. Wenn das frische Werk dann endlich in den Regalen zum Verkauf angeboten wurde, dann kauften
wir es sofort und lasen es meist noch am selben Tag. Aber am Besten war die Vorfreude auf das Buch. Man wusste, dass derundder Schriftsteller ein Buch schreibt, wir wussten, das diesunddies die
Thematiken sein werden und wir diskutierten schon lange vor dem Veröffentlichungstermin über die Inhalte jenerundjener Bücher. Wir bereiteten uns so vor auf dasunddas Thema, welches bald wegen
demunddem Buch das Gesprächsthema schlechthin sein würde, wenn das Buch erst einmal da ist. Als dann der Veröffentlichungstermin bekannt gegeben wurde, dann traf man alle
diejenigen Leute, mit denen man im Vorfeld über das Thema des Buches philosophiert hatte, am selben Tag auch in der Buchhandlung an, denn niemand wollte das Buch am zweiten Tag kaufen, sondern
genau dann, wenn es erschien. So konnte man dann am nächsten Tag über das Buch selbst sprechen, statt bloss über das Thema. So war es eine einzige Diskussion, die erst dann abgeschlossen war,
wenn ein gänzlich anderer Autor bekannt gab, dass er ein völlig anderes Buch über ein total anderes Thema veröffentlichen werde. Dann war dies das Thema. Wer
dann das Buch nicht gekauft oder gelesen hat, der konnte sich beinahe nicht mehr öffentlich zeigen; das war peinlich; man musste ja alles lesen, vorallem, wenn man im Vornherein am Stammtisch
darüber grosse Töne gespuckt hatte.
Dass es heute schick ist, ein Buch zu schreiben, beweist die Flut von Buchneuerscheinungen im Sinne von "Wie pflege ich
meinen Goldhamster?" oder "Ich spüre, wie ich meine Leserschaft provoziere." Auf Auto-Biographien wie "der Bohlen-Weg" und Konsorten kann man sich heute nun
wirklich nicht mehr freuen. Heute wird ein Buch aus Spass geschrieben und nicht
wie damals, weil die Autoren etwas zu sagen hatten. Im Society-Club hört man schonmal vom Tisch nebenan den entsetzten Aufschrei: "Wie bitte!?! Sie haben noch kein einziges Buch geschrieben?
Nicht einmal ein Kochbuch?!" Wie dem auch sei, ich bin gegen die Rodung von Bäumen, die für die Papiergewinnung eines Buches mit dem Titel "Knigge für
SMS-User" missbraucht werden. Auf ein solches Buch freut man sich natürlich nicht, man wartet auch nicht auf so ein Buch, man spricht nicht einmal darüber und man liest es schon gar nicht. Man
kauft es sich vielleicht, weil es einen schönen Einband hat, welcher im Teint genau zu dem Bücherregal passt, welches man sich im SchwedenShop erworben hat. Da lob ich mir die kleinen
Racker, welche ganz lange aufbleiben und sogar vor der Buchhandlung ihr Lager aufschlagen, wenn der neue Harry Potter um Mitternacht erscheint. Die wissen eben noch, wie man sich anständig auf
eine Bucherscheinung freut.
In diesem Sinne: "Long live Harry - or someone else!"
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Marginalien, bunt.